Maria Schmidt
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Die Entstehung unserer Sternbilder

 

ie Gestirnsbeobachtung ist ca. fünftausend Jahre alt. An verschiedenen Orten der Erde, und zwar in Mittel- und Südamerika, in China, im Zweistromland, in Ägypten und in Nordeuropa begannen Priester nahezu gleichzeitig, den Himmel zu beobachten und sich am Lauf der Gestirne zu orientieren. Sonne, Mond, die Planeten und die hellsten Fixsterne wurden benannt, teilweise mit Göttern gleichgesetzt, die hervorstechendsten Sterngruppen zu Bildern zusammengefaßt.

 

           Die Sternbilder der amerikanischen Hochkulturen,  der Ägypter und  der Nordeuropäer sind bis auf wenige Reste untergegangen. Die Chinesen haben ihre Sternbilder bis heute beibehalten. Die uns Abendländern geläufigen Sternbilder stammen aus dem Zweistromland und von den Griechen:

 

           Als die Sumerer um 3000 vor unserer Zeitrechnung in die Gebiete von Euphrat und Tigris einwanderten, brachten sie vermutlich schon ihre Sternenkunde mit. Sie hatten das Band der Ekliptik in zwölf gleiche Teile geteilt, in deren Sternanordnungen  sie Bilder göttlicher Tiere sahen: Verblieben sind uns Stier, Krebs, Löwe und  Skorpion.

 

           Die Babylonier, die im Zweistromland ein erstes Großreich gründeten, übernahmen die Sternenkunde und die Sternbilder der Sumerer, errichteten die ersten Sternwarten - eine von diesen war vermutlich  der im Alten Testament erwähnte Turmbau zu Babel – und ermittelten aus dem Lauf der Gestirne sowohl den Jahreslauf als auch, da Götter mit den Gestirnen identisch waren, den Willen der Götter.

 

           Ebenfalls um 3000 v. entstand  im Niltal das erste ägyptische Großreich. Die von den ägyptischen Priestern geschaffene Himmelskunde und deren Sternbilder dienten   hauptsächlich dazu, den Zeitpunkt der alljährlich wiederkehrenden Nilschwemme vorhersagen zu können. Auch die Ägypter setzten Gestirne mit Göttern gleich.

 

            Die alten Griechen, welche vor ca. vier- bzw. dreitausend Jahren in das heutige Griechenland einwanderten, übernahmen zunächst die Bilder aus dem Zweistromland. Die Götter der Griechen  aber waren  zu unberechenbar, als daß man sie mit dem immer gleichen Lauf der Gestirne gleichsetzen konnte. So umgaben die Griechen  die Sternbilder mit   Mythen, in denen Sterbliche von den Göttern an den Himmel versetzt und so den Unsterblichen gleichgestellt wurden. Noch freie Sterne schloß man zu neuen Bildern zusammen. Fanden sich keine geeigneten Mythen, wurden  speziell für den Nachthimmel weitere erfunden.

 

Für das Verständnis der Himmelsmythen ist es wichtig zu wissen, daß die Griechen ihre Sternbilder nicht nachts am hohen Himmel beobachteten, sondern daß der Meereshorizont es ihnen erlaubte, die Bilder kurz vor der Morgendämmerung aus dem Okeanos aufsteigen zu sehen oder am Abend nach Untergang des Sonnenwagens im Okeanos versinken. 

          

           Im achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung berichtet Homer, wie der Götterschmied Hephaistos den Schild des Achilles mit dem damaligen Bild der Welt schmückte:

 

           Drauf nun schuf er die Erd’ und das wogende Meer und den Himmel,

           Auch den vollen Mond und die rastlos laufende Sonne,

           Drauf alle Gestirne, die rings den Himmel umleuchten.

           Drauf Plejad und Hyad und die große Kraft des Orion,

           Auch die Bärin, die sonst der Himmelswagen genannt wird,

           welche sich dort umdreht und stets den Orion bemerket

           und alleine niemals in Okeanos’ Bad sich hinabtaucht.’

 

Der Sternenhimmel über Griechenland war zu der Zeit also schon reichlich mit Bildern ausgestattet.

 

Im 3. Jahrhundert vor der Zeitrechnung hatten die Griechen den nördlichen Sternenhimmel mit  48 Bildern vollständig ausgefüllt.

 

Die  weniger mit Phantasie begabten Römer fügten den Sternbildern nichts eigenes hinzu, sondern übersetzten    lediglich die griechischen Namen ins Lateinische.

 

           Im 2. Jahrhundert nach der Zeitrechnung faßte der ägyptische Gelehrte Claudius Ptolemaios in seinem Großen Astronomischen System  das gesamte damalige astronomische Wissen zusammen und erwähnt auch die  zum festen Bestandteil des Denkens gewordenen 48 griechischen Sternbilder.

 

           Das sich zur Zeit der Völkerwanderungen im ganzen Abendland ausbreitende Christentum verdrängte die nichtchristlichen Götter und ließ sowohl  die nordeuropäischen als auch die griechisch-römischen Bilder des Nachthimmels  verblassen.  Die nordeuropäischen Sternbilder sind bis auf eines, den noch immer gegenwärtigen Großen Wagen, in  Vergessenheit geraten. Der antike Sternenhimmel aber wurde von den muslimischen Arabern aufbewahrt, welche ab dem 7. Jahrhundert den Mittelmeerraum und mit ihm die antike Kultur übernahmen. Um 800 n. ließ Harun al Raschid in Bagdad die Himmelskunde des Ptolemaios ins Arabische übersetzen. Die Araber waren so beeindruckt von dem Werk, daß sie es Al Magest nannten, das Beste

 

           Jahrhunderte lang beschäftigten sich die gelehrten Araber in ihren Schulen mit der antiken Astronomie und damit auch mit den  griechischen Sternbildern. Zur besseren Orientierung gaben sie den noch unbenannten Einzelsternen der Bilder der Stellung im Sternbild entsprechende Namen, z. B. Rigel, das ist: linker Fuß des Orion.

           Eines der arabischen Zentren der Wissenschaft war Toledo in Spanien. Im Jahre 1085 wurde Toledo vom christlichen König von Kastilien erobert, der es zu seiner Hauptstadt machte.  Christliche Gelehrte bekamen damit Zugang zu den arabischen Schriften und begannen, fasziniert von all dem ihnen unbekannten Wissen, diese  ins Lateinische zu übersetzen, darunter den Al Magest. Das Wissen der Antike zog in die Schreibstuben der mittelalterlichen   Klöster, zog ins gesamte Abendland ein.

 

           Gerhard von Cremona, der Übersetzer des Al Magest, behielt zusammen mit dem arabischen Titel des Werkes die so geheimnisvoll klingenden arabischen Sternennamen wie Aldebaran, Algol, Atair bei und  bahnte ihnen damit den Weg ins christliche Abendland.

 

           Es gab weitere Übersetzungen des Almagest, es gab zahllose Abschriften. Schreibfehler an den  oft nicht mehr verstandenen arabischen Namen schlichen sich ein und wurden nicht verbessert. Arabische Sternbildnamen und auch arabische astronomische Begriffe wurden ihres fremden Klanges wegen auf noch unbenannte Sterne übertragen, ja, es wurden sogar arabisierende Sternnamen neu erfunden.

 

           So entstammen von den heute gebräuchlichen ca. 150 arabischen Sternnamen           nicht alle der arabischen Sprache, sind daher auch nicht alle zu übersetzen. Viele sind einfach als unübersetzbare Eigennamen zu verstehen.

 

           Nachdem mit der Übersetzung des Al Magest ins Lateinische  der griechische Sternenhimmel ins Abendland eingezogen war, hat er bei der Kirche immer wieder Mißfallen erregt. Im 17. und 18. Jahrhundert hat es gar etliche  Versuche gegeben, die heidnischen Sternbilder zu christianisieren: Da sollten aus den Bildern des Tierkreises die Zwölf Apostel werden, aus dem Großen Wagen das Schiff des Heiligen Petrus. Da wurden König David, die Arche Noah und gar Papst Sylvester an den Himmel versetzt. All diese aber hatten keine Chance. Wie sie in den Himmel gekommen waren, mußten sie wieder hinunter, zurück in die Schreibstuben allzu diensteifriger Astronomen.

 

 Im Jahre 1699 stellte ein Lehrer aus Jena einen Coelum Heraldicum zusammen mit der Begründung:  Der Himmel führt Klage über das in ihm wohnende Lastergesindel“. Die griechischen Sagengestalten waren gemeint. Da zogen das Braunschweig-Lüneburgische Roß und der Brandenburgische Adler am Nachthimmel auf, um  das Lastergesindel zu vertreiben. Später sollte gar der große Preußenkönig im Sternbild Friedrichs Ehre einen Platz bekommen, der Himmelsjäger Orion sollte Napoleon weichen. Auch diese sind heute belächelt, vergessen. Das griechische Lastergesindel ist geblieben.

          

Die im Jahre 1603 von dem Augsburger Astronomen  Johann Bayer angefertigte Karte des Nachthimmels, in welcher er die griechischen Sternbilder in schönen Zeichnungen eintrug, ist noch heute gebräuchlich. Dazu erfand er das noch heute Verwendung findende Sternbezeichnungsystem mit griechischen Buchstaben:  Den hellsten Stern eines jeden Sternbildes bezeichnete er als den  Alpha-Stern, den zweithellsten  den Beta-Stern u. s. f.  So waren die griechischen Sternbilder mit all ihren Einzelsternen auch zu festen Orientierungsfeldern für die Astronomen geworden.

 

Im Zeitalter der Entdeckungen lernte man den bisher unbekannten südlichen Sternenhimmel kennen. Wie die auch dort vorhandenen verschiedenen Sterngruppierungen benennen? Die Sternbilder der amerikanischen Hochkulturen waren verloren, d. h., ihre Zeugnisse sind von den spanischen Mönchen gewaltsam vernichtet worden,  die mythologischen Bilder der Griechen waren aufgebraucht. Man kam auf die Idee, die Sterngruppen nach den damals soeben erfundenen technischen Geräten zu benennen. Der französische Abt Nikolas Louis de Lacaille (1713 – 1762) fertigte in den Jahren 1750 – 1753 einen Atlas des südlichen Sternhimmels an, Coelum australe stelliferum, in den er die neuen  Sternbilder eintrug: Mikroskop, Zirkel, Pendeluhr, Winkelmaß, Kompaß, Sextant...

Was gäben wir heute darum, wüßten wir Genaues über die Sternbilder der Inkas, der Majas, der Azteken.

 

                      Im Jahre 1927 schließlich erklärte man während einer astronomischen Konferenz 88 Sternbilder sowie ihre lateinischen Namen als international verbindlich und ordnete die letzten  noch sternbildlosen Sterne  den nächstgelegenen Sternbildern zu.

 

           Der die Erde umgebende Nachthimmel war damit komplett von den Erdbewohnern in Besitz genommen.

 

           Die wichtigsten Sternbilder sind:

 

Adler, Andromeda, Großer Bär, Kleiner Bär, Bootes, Drache, Einhorn, Eridanus, Fische, Fuhrmann, Herkules, Großer Hund, Kleiner Hund, Jungfrau, Kassiopeia, Kepheus, Krebs, Kreuz des Südens, Nördliche Krone, Leier, Löwe, Orion, Pegasus, Perseus, Schlangenträger, Schütze, Schwan, Skorpion, Steinbock, Stier, Waage, Walfisch, Wassermann, Wasserschlange, Widder, Zwillinge

 

Die zu den Sternbildern gehörenden Mythen sollen nach und nach vorgestellt werden.

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